D E
sch wa nk hal le
x

3 FRAGEN AN ... #7
Susanne Zaun

Theaterarbeit unter den Bedingungen von Corona

Die Coronakrise verändert unseren Alltag in einem ungekannten Ausmaß. Auch wenn wir alle von den Auswirkungen des Virus betroffen sind, sehen die Herausforderungen, die sie mit sich bringen, für jede*n anders aus. Das Wissenschaftszentrum Berlin führt aktuell eine Studie zu den Auswirkungen des Corona-Virus auf den Alltag durch, um diese Veränderungen in der Erwerbsarbeit, im Privatleben und beim subjektiven Wohlbefinden zu beschreiben.

Wir fragen uns: wie aussagekräftig sind die Ergebnisse für die Kulturbranche und insbesondere für die Theaterarbeit? Freischaffende Künstler*innen, die oft projektbasiert, mobil und nicht selten prekär arbeiten, sitzen nun zum Teil unerwartet an einem Ort fest, Gruppen müssen teilweise über große Distanz versuchen, gemeinsame Projekte weiter zu verfolgen.
Für Künstler*innen mit Kindern findet mitten im Ausnahmezustand plötzlich so etwas wie eine familiäre Normalität statt: Man ist ständig beisammen, was zwar nicht weniger, aber eine andere Art der Koordination erfordert. Für alle ist gravierend, dass noch niemand weiß, wann überhaupt wieder ein regulärer Spielbetrieb in den Theatern stattfinden wird. Neben dem verworfenen Plan A muss nun ein Plan B, C und D geschmiedet werden.

Wir wollten wissen, wie die Situation der Künstler*innen und Gruppen aussieht, die seit Mitte April bei uns hätten spielen sollen, es aber wegen der geltenden Ausgangsbeschränkungen nicht können. In Anlehnung an unser Interview-Format „3 Fragen an…“ haben wir sie gefragt:

Wo bist Du gerade und wie geht’s?
Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, eventuell aber auch zum Guten verändert?
Was beschäftigt Dich gerade am meisten? Und womit beschäftigst Du Dich?

Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben. Sie zeugen von realen Sorgen, eröffnen aber vor allem hoffnungsvolle Perspektiven für die Theaterarbeit in der Zeit nach der Krise. Und nicht wenige der Befragten sehen in ihr ganz konkrete Chancen für die soziale und ökologische Nachhaltigkeit der eigenen Branche. Wenn wir Glück haben, werden wir uns daran erinnern!

 

3 FRAGEN AN...
#7 Susanne Zaun

(Theatermacherin, Frankfurt)

Entfallene Veranstaltung:
Zaungäste ›Trip of a Lifetime‹
 

Wo bist Du gerade und wie geht’s?

Ich bin in Frankfurt am Main und mir geht es gut. Ich probe zum ersten Mal wieder seit Ende Februar und es fühlt sich ein bisschen an wie ein Klassentreffen nach sehr langer Zeit. Auch mit diesem komischen Effekt, dass Vorgänge gleichermaßen vertraut wie fremd sind, weil man sich erst mit den aktuellen Bedingungen, unter denen man sich begegnen kann, arrangieren muss.

Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, vielleicht aber auch zum Guten verändert?

Ich weiß gar nicht, ob ich das jetzt schon beantworten kann. Es ist so ein merkwürdiger Zustand, der immer wieder zwischen Warteschlange und Schleudergang variiert. Gut fand ich die letzten Wochen, dass ich nur die Menschen getroffen habe, die ich auch wirklich gerne sehen wollte. Schlecht fand ich, dass ich nicht alle Menschen treffen konnte, die ich gerne gesehen hätte. Beides zeigt mir aber, dass ich auf verschiedenen Ebenen sehr privilegiert bin.

Schwierigkeiten, die das freie Arbeiten sowieso schon mit sich bringt, verstärken sich: Planungsunsicherheit, Unverbindlichkeiten, Raummangel – all das potenziert sich gerade enorm.  

Was beschäftigt Dich gerade und wie beschäftigst Du Dich? Ganz konkret, aber auch in Gedanken.

Ich beschäftige mich mit der Wahrscheinlichkeit, einen Wal in Frankfurt zu finden. Diese Wahrscheinlichkeit ist erstmal nicht sehr hoch. Bei unserem Projekt ›Trip of a Lifetime‹ geht es aber genau um das unlogische Zusammenspiel von Wahrscheinlichkeiten mit Träumen und Begehrlichkeiten und nicht zuletzt dem Zufall. Ich finde es interessant, aber auch ein bisschen unheimlich, dass sich einige Fragestellungen im Zusammenhang mit diesem Projekt unter den Pandemiebedingungen jetzt so verschärft haben. Einige Bezüge kommen mir geradezu absurd überkonkret vor – wie z.B. die Fixierung auf Statistiken dieser Tage. Aber auch die eingeschränkte Reisefreiheit und die Auflagen, mit denen der Massentourismus diesen Sommer wird umgehen müssen, spiegeln sich merkwürdig verzerrt in ›Trip of a Lifetime‹. Wir übertragen ein Urlaubserlebnis-Konzept, das an sehr konkrete und in der Regel weit entfernte Orte geknüpft ist, in den Öffentlichen Raum vor unserer Haustür. Es geht um Erwartungshaltungen, die Sehnsucht nach fernen Urlaubszielen und den Wunsch nach einem einmaligen Naturerlebnis, das es aber nur in einem massentouristischen Framing zu erleben gibt.  

Ich denke außerdem sehr viel über den Austausch von Umarmungen nach, arbeite an einem Fragenkatalog für Männer im Wald und an einer Hasstirade. Und dann gibt es noch eine Idee für einen sechsstimmigen fragmentierten Chor, der sich buchstäblich immer wieder verpasst, weil das Proben über Distanz einfach nicht klappt.   

--

3 FRAGEN AN ...

#6 Petra Serhal (Choreografin, Beirut)
#5 Antonia Baehr (Choreografin, Berlin)

#4 Darren O'Donnell (Autor/freier Künstler, Kanada)
#3 Roland Siegwald (Mobile Albania)
#2 Julia Lapperiérre (Performerin, Kanada/Berlin)

#1 Christoph Ogiermann (Komponist, Bremen)