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Theaterarbeit unter den Bedingungen von Corona

3 FRAGEN AN ... #3
Roland Siegwald

Die Coronakrise verändert unseren Alltag in einem ungekannten Ausmaß. Auch wenn wir alle von den Auswirkungen des Virus betroffen sind, sehen die Herausforderungen, die sie mit sich bringen, für jede*n anders aus. Das Wissenschaftszentrum Berlin führt aktuell eine Studie zu den Auswirkungen des Corona-Virus auf den Alltag durch, um diese Veränderungen in der Erwerbsarbeit, im Privatleben und beim subjektiven Wohlbefinden zu beschreiben.

Wir fragen uns: wie aussagekräftig sind die Ergebnisse für die Kulturbranche und insbesondere für die Theaterarbeit? Freischaffende Künstler*innen, die oft projektbasiert, mobil und nicht selten prekär arbeiten, sitzen nun zum Teil unerwartet an einem Ort fest, Gruppen müssen teilweise über große Distanz versuchen, gemeinsame Projekte weiter zu verfolgen.
Für Künstler*innen mit Kindern findet mitten im Ausnahmezustand plötzlich so etwas wie eine familiäre Normalität statt: Man ist ständig beisammen, was zwar nicht weniger, aber eine andere Art der Koordination erfordert. Für alle ist gravierend, dass noch niemand weiß, wann überhaupt wieder ein regulärer Spielbetrieb in den Theatern stattfinden wird. Neben dem verworfenen Plan A muss nun ein Plan B, C und D geschmiedet werden.

Wir wollten wissen, wie die Situation der Künstler*innen und Gruppen aussieht, die seit Mitte April bei uns hätten spielen sollen, es aber wegen der geltenden Ausgangsbeschränkungen nicht können. In Anlehnung an unser Interview-Format „3 Fragen an…“ haben wir sie gefragt:

Wo bist Du gerade und wie geht’s?
Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, eventuell aber auch zum Guten verändert?
Was beschäftigt Dich gerade am meisten? Und womit beschäftigst Du Dich?

Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben. Sie zeugen von realen Sorgen, eröffnen aber vor allem hoffnungsvolle Perspektiven für die Theaterarbeit in der Zeit nach der Krise. Und nicht wenige der Befragten sehen in ihr ganz konkrete Chancen für die soziale und ökologische Nachhaltigkeit der eigenen Branche. Wenn wir Glück haben, werden wir uns daran erinnern!

3 FRAGEN AN ...
#4 Roland Siegwald

(Mobile Albania)

Entfallene Veranstaltung:
›Die Erde ist rund‹
Workshop mit Kindern der Grundschule am Buntentorsteinweg

 

Wo bist Du gerade und wie geht’s?
Ich bin in Frankfurt am Main; mit meiner Partnerin und unserem 1,5 Jahre alten Kind sind wir alle drei zuhause. Zusammen erleben wir unser Familienleben kontinuierlich, ohne größere Zäsuren von äußeren Vorgaben und Taktungen, das tut uns allen Dreien sehr gut.

 

Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, eventuell aber auch zum Guten verändert?
Mehr und mehr fühle ich, dass die Krise nachhaltige Veränderungen auslöst. Ich erlebe gerade eine zeitliche Taktung, die ruhiger ist und dafür aber auch mehr Aufmerksamkeit für meine Aufgaben ermöglicht und mehr Verbindlichkeit anderen gegenüber und dem mit dem ich mich beschäftige mit sich bringt. Auch wenn ich vorher mich auch schon viel mit unserem Kind beschäftigt habe, denke ich jetzt sehr häufig darüber nach, wie es aufwächst, wo und wie ich ihm helfen kann und darüber, welchen Einfluss unser Leben auf seine Entwicklung haben wird.
Es fehlen mir die kleinen zwischenmenschlichen Kontakte, gerade die ungeplanten, die sich im Vorbeigehen auf der Straße ereignen. Es fehlt mir sprichwörtlich sich die Luft zu teilen, dieser Umstand betrübt mich in diesen Tagen. Ich ärgere mich aber auch manchmal über Personen, die ich als  sehr unvorsichtig wahrnehme und denke, dass sie die Entbehrungen von vielen leichtsinnig aufs Spiel setzen.
Aufgrund der sozialen Distanzierung ist mein bisheriger Arbeitsalltag komplett auf Eis gelegt. Jetzt eigne ich mir Möglichkeiten des digitalen Arbeitens an und erlebe dadurch ganz neue Verhältnisse von Kommunikation, von Sein in Arbeits- und Familienräumen. Digitale und analoge Räume entdecke ich nicht (mehr) als gegenseitige Werkzeuge, sondern in einer wechselseitigeren und eigenständigeren Produktivität. Gepaart mit der veränderten Zeitlichkeit löst dies eine Umbruchstimmung aus. Ich spüre, ja das Leben ändert sich gerade im Moment, das fühlt sich gut überfordernd an.

 

Was beschäftigt Dich gerade am meisten? Und womit beschäftigst Du Dich?
Ich versuche einen neuen Alltag zwischen Familie, ohne Kinderbetreuung und Arbeitsleben aufzubauen.
Mich beschäftigt der Umstand, dass die Pandemie für mich positive Veränderungen mit sich bringt. Ich werde durch Solidarität finanziell aufgefangen, dadurch zwingen sich mir nicht Überlebensfragen auf, ich kann positiv wirkende Umstände und Kräfte in der Krise wahrnehmen und mich einbringen, wie Menschen im Verhältnis miteinander und mit der Lebensgrundlage Natur leben. Viele, sehr viele andere Menschen können dies nicht, weil sie ausgeschlossen sind und werden, oder weil sie in ihrem engsten Umfeld Krankheits- und Todesfälle der Pandemie erleben. Ich wünsche mir, dass wir unseren Alltag nicht einfach nur den Corona-Umständen anpassen und mit bisherigen Gewohnheiten des Arbeitens, des wirtschaftlichen Handelns, des Reisens fortfahren; ich möchte mich und meine Lebenspraxis aus den gegenwärtigen Erfahrungen solidarischer und umweltgerechter ändern.
Danach halte ich Ausschau, tagsüber, abends, in Gesprächen und schaue in den Tagen oft zurück: wie war das noch bis Anfang März?

 

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3 FRAGEN AN ...
 


#2 Julia Lapperiérre (Performerin, Kanada/Berlin)

#1 Christoph Ogiermann (Komponist, Bremen)