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Theaterarbeit unter den Bedingungen von Corona

3 FRAGEN AN ... #1
Christoph Ogiermann

Die Coronakrise verändert unseren Alltag in einem ungekannten Ausmaß. Auch wenn wir alle von den Auswirkungen des Virus betroffen sind, sehen die Herausforderungen, die sie mit sich bringen, für jede*n anders aus. Das Wissenschaftszentrum Berlin führt aktuell eine Studie zu den Auswirkungen des Corona-Virus auf den Alltag durch, um diese Veränderungen in der Erwerbsarbeit, im Privatleben und beim subjektiven Wohlbefinden zu beschreiben.

Wir fragen uns: wie aussagekräftig sind die Ergebnisse für die Kulturbranche und insbesondere für die Theaterarbeit? Freischaffende Künstler*innen, die oft projektbasiert, mobil und nicht selten prekär arbeiten, sitzen nun zum Teil unerwartet an einem Ort fest, Gruppen müssen teilweise über große Distanz versuchen, gemeinsame Projekte weiter zu verfolgen.
Für Künstler*innen mit Kindern findet mitten im Ausnahmezustand plötzlich so etwas wie eine familiäre Normalität statt: Man ist ständig beisammen, was zwar nicht weniger, aber eine andere Art der Koordination erfordert. Für alle ist gravierend, dass noch niemand weiß, wann überhaupt wieder ein regulärer Spielbetrieb in den Theatern stattfinden wird. Neben dem verworfenen Plan A muss nun ein Plan B, C und D geschmiedet werden.

Wir wollten wissen, wie die Situation der Künstler*innen und Gruppen aussieht, die seit Mitte April bei uns hätten spielen sollen, es aber wegen der geltenden Ausgangsbeschränkungen nicht können. In Anlehnung an unser Interview-Format „3 Fragen an…“ haben wir sie gefragt:

Wo bist Du gerade und wie geht’s?
Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, eventuell aber auch zum Guten verändert?
Was beschäftigt Dich gerade am meisten? Und womit beschäftigst Du Dich?

Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben. Sie zeugen von realen Sorgen, eröffnen aber vor allem hoffnungsvolle Perspektiven für die Theaterarbeit in der Zeit nach der Krise. Und nicht wenige der Befragten sehen in ihr ganz konkrete Chancen für die soziale und ökologische Nachhaltigkeit der eigenen Branche. Wenn wir Glück haben, werden wir uns daran erinnern!

 

3 FRAGEN AN ...
#1 CHRISTOPH OGIERMANN

(Komponist, Bremen)

Entfallene Veranstaltung:
REM Konzert ›Canada Acousmatique‹, MI 22.4. / 20 Uhr
im Rahmen der jazzahead! Partnerland Kanada
(verschoben auf 2021)

 

Wo bist Du gerade und wie geht’s?

Da, wo ich immer bin, wenn ich nicht gerade unterwegs sein muss um durch Verteilung und Aufführung der Musik Geld zu verdienen (was im Moment ja nicht geht): ich pendle zwischen Wohnung und Atelier. Und das geht besser. Siehe zweite Frage:

 

Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, eventuell aber auch zum Guten verändert?

Wirklich gut ist diese glückliche Arbeitslosigkeit: morgens frisch unverständliche Musik zimmern. Ab mittags die Kinder beschulen (tja, soll das jetzt gut oder schlecht sein? Klasse wäre es und eigentlich auch richtig, dafür ein pädagogisches Gehalt zu beziehen, daher ist auch das Hartz IV (was es seit gestern gibt) kein Almosen, sondern genau die richtige Maßnahme / (wenn auch zu knappe) Bezahlung für diese Schatten-Arbeit). Ab Nachmittags mit oder ohne Familie in die Sonne. Abends nicht früh ins Bett: ist ja keine Schule für die man die Kinder (eh unverständlich) saufrüh aus dem Bett zerren muss. Resumee also: Danke Corona.

 

Was beschäftigt Dich gerade am meisten? Und womit beschäftigst Du Dich?

Endlich die fundamentalen Bücher und Filme (oh Schreck ein Fundamentalist) / zT wieder/ lesen und sehen, die ich schon immer keine Zeit hatte zu lesen und zu sehen und das kontinuierlich über mehrere Tage.

Es beschäftigt mich, dass Corona viele Masken fallen lässt: Die ungewöhnliche, sprengende Humanität, damit niemand zu Schaden kommt, bei Inkaufnahme der Zerrüttung der globalen Ökonomie, die aber KEINE Anwendung findet für (unbegleitete etc.) Geflüchtete und sonstige STÄNDIGE Katastrophen weltweit durch unsere agressive Ökonomie. (Blut und Boden, Nationalscheiß sag ich da nur, Hose näher als Rock, letztlich Rassismus).

Mich beschäftigen die Fragen nach tatsächlicher Simultanität in der Musik, ihre philosophischen Grundlagen und die praktische Ausführung in mehrkanaliger elektronischer Musik. Autonome Rückkopplungen spielen dabei eine große Rolle beim Einzelverlauf einer Schicht. Kurz gesagt.

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3 FRAGEN AN ...
#2 Julia B. Laperrière (Theatermacherin, Montreal/Berlin)