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3 FRAGEN AN ... #5
Antonia Baehr

Theaterarbeit unter den Bedingungen von Corona

Die Coronakrise verändert unseren Alltag in einem ungekannten Ausmaß. Auch wenn wir alle von den Auswirkungen des Virus betroffen sind, sehen die Herausforderungen, die sie mit sich bringen, für jede*n anders aus. Das Wissenschaftszentrum Berlin führt aktuell eine Studie zu den Auswirkungen des Corona-Virus auf den Alltag durch, um diese Veränderungen in der Erwerbsarbeit, im Privatleben und beim subjektiven Wohlbefinden zu beschreiben.

Wir fragen uns: wie aussagekräftig sind die Ergebnisse für die Kulturbranche und insbesondere für die Theaterarbeit? Freischaffende Künstler*innen, die oft projektbasiert, mobil und nicht selten prekär arbeiten, sitzen nun zum Teil unerwartet an einem Ort fest, Gruppen müssen teilweise über große Distanz versuchen, gemeinsame Projekte weiter zu verfolgen.
Für Künstler*innen mit Kindern findet mitten im Ausnahmezustand plötzlich so etwas wie eine familiäre Normalität statt: Man ist ständig beisammen, was zwar nicht weniger, aber eine andere Art der Koordination erfordert. Für alle ist gravierend, dass noch niemand weiß, wann überhaupt wieder ein regulärer Spielbetrieb in den Theatern stattfinden wird. Neben dem verworfenen Plan A muss nun ein Plan B, C und D geschmiedet werden.

Wir wollten wissen, wie die Situation der Künstler*innen und Gruppen aussieht, die seit Mitte April bei uns hätten spielen sollen, es aber wegen der geltenden Ausgangsbeschränkungen nicht können. In Anlehnung an unser Interview-Format „3 Fragen an…“ haben wir sie gefragt:

Wo bist Du gerade und wie geht’s?
Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, eventuell aber auch zum Guten verändert?
Was beschäftigt Dich gerade am meisten? Und womit beschäftigst Du Dich?

Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Menschen, die sie geben. Sie zeugen von realen Sorgen, eröffnen aber vor allem hoffnungsvolle Perspektiven für die Theaterarbeit in der Zeit nach der Krise. Und nicht wenige der Befragten sehen in ihr ganz konkrete Chancen für die soziale und ökologische Nachhaltigkeit der eigenen Branche. Wenn wir Glück haben, werden wir uns daran erinnern!

 

3 FRAGEN AN...
#5 Antonia Baehr

(Choreografin, Berlin)

Entfallene Veranstaltung:
›Exit‹ / FR 3.7. + SA 4.7.

Wo bist Du gerade und wie geht’s?
Ich bin in Berlin. Die Generalpause, die vom 18. März bis 18. Mai anhielt, tat mir gut, weil die Vögel lauter waren als die Autos, keine Kondensstreifen am Himmel waren und die Geschäfte und Gastätten geschlossen waren. Ich mußte komplett umdenken und mein Leben neu strukturieren. Alles war abgesagt worden. Ich habe mit Ölmalerei, Segeln auf der Spree, Freundinnen auf Parkbänken und so wenig Internet und Bildschirmzeit wie möglich diese Zeit verbracht. Nun ist die Stadt wieder laut geworden, die Vögel wieder leiser und ich weiß meinen Terminkalender nicht mehr auswendig.

Was hat sich für Dich durch Corona zum Schlechten, eventuell aber auch zum Guten verändert?
Es wäre schön, wenn wir von dieser Zeit lernen könnten. Für mich bedeutet es: die Theater in Berlin und in meiner Nähe zu überzeugen, dass wir nicht mehr bis zum anderen Ende der Welt fliegen wollen um auftreten zu dürfen. Ich habe mein so genanntes Erfolgstück ›RIRE / LAUGH / LACHEN‹ unzählige Male auf der ganzen Welt gespielt, aber in Berlin war nur eine einzige finanzierte Aufführung davon möglich (in der Akademie der Künste im Rahmen von ›re.act.feminism‹). Das ist absurd und muss sich ändern. In meiner Situation in Berlin  werden Premieren finanziert und davon darf es dann höchstens drei Aufführungsabende im Anschluss geben. Mehr nicht. Wiederaufnahmeanträge wurden bisher immer abgelehnt. Ich werde ständig gefragt, was ich als Neues vorhabe. Es herrscht Produktions- und Innovationsdruck. Das soll sich auch ändern.

Was beschäftigt Dich gerade am meisten? Und womit beschäftigst Du Dich?
Mich beschäftigt dieses jetzige Gefühl, sich zwischen den Stühlen zu befinden. Aber das Potential für eine Entschleunigung ist da, weil wir es kurz hier erleben durften. Die Luft, die Luft, die Luft zum atmen, sie ist kostbar. Noch kostet die uninfinzierte Luft zum Atmen kein Geld.

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3 FRAGEN AN ...

#4 Darren O'Donnell (Autor/freier Künstler, Kanada)
#3 Roland Siegwald (Mobile Albania)
#2 Julia Lapperiérre (Performerin, Kanada/Berlin)

#1 Christoph Ogiermann (Komponist, Bremen)